50 Jahre Oma (Signale 55-76)

Besitzerstolz

Geburtstags-Laudatio für ein besonderes Auto (I)

Da wir nur 18 der bisher 50 Lebensjahre unseres Wartburg 311 „Oma“ kennen, lassen wir aus Anlass dieses runden Jubiläums genau diese Zeit noch einmal etwas Revue passieren.

Die Suche nach den Wurzeln unseres Wartburg 311-108 ist sehr schwer.

Der alte Kfz-Brief, mit dem wir dieses Auto im Herbst 1995 erworben haben besagt im Wesentlichen nur folgendes:

 

Hersteller: andere

Typ: Wartburg 353

Erstzulassung: 01.07.1963

Anzahl Vorbesitzer: 7

Zulassung in der BRD: 1990

Ein typischer „West“-Brief, wie er sicherlich dem Einen oder Anderen schon mal untergekommen ist. Voller Fehler und Unzulänglichkeiten. Einen Wartburg 353 gab es 1963 noch nicht und das Fahrzeug verfügt zweifellos über alle Attribute eines 311ers.

Sogar Karosserie und Rahmen stammten noch aus der Originalzeit und gehörten werksseitig zusammen.

Der Wartburg hat es also unmittelbar mit der Wende in den Westen verschlagen. Da wo der Westen fast schon nicht mehr westlicher sein kann: im Westerwald.

Dort haben Dirk Flach und ich ihn 1995 gekauft.

Wir können hoffentlich einer Eintragung dieses Kfz-Briefes vertrauen: Die Angabe der Erstzulassung wurde mutmaßlich vom originalen DDR-Brief korrekt abgeschrieben, bevor dieser durch die Kreisverwaltung Altenkirchen vernichtet(!) wurde.

01. Juli 1963 - das ist nun 50 Jahre her. Einen 50. Geburtstag muss man feiern und deshalb nutzen wir diese und die folgenden Seiten um unserem Wartburg zum „Geburtstag“ zu gratulieren. Das tun wir hier stellvertretend für alle anderen Oldtimer.

Es gibt ganz sicher ältere Fahrzeuge, interessantere, vielleicht auch bessere und schönere. Die Oma, unsere Oma, ist jedoch aus unserer ganz privaten Sicht ein ganz besonderes Auto: es ist unser Traum von einem wunderschönen Wartburg 311.

Sehr barock und doch gleichzeitig unheimlich hübsch und sogar praktisch.

Aus anderen Kfz-Briefen kennt man die Werdegänge ähnlicher Autos ganz gut und so läßt sich mutmaßen, dass es auch im Falle unserer Oma ungefähr so ablief:

1963 bestellt und gekauft von einem eher wohlhabenden DDR-Bürger (vielleicht ein Doktor oder ein Direktor oder ein Einzelbauer etc.) wurde das Fahrzeug im Laufe der Jahre in der Gesellschaft immer weiter „herab gereicht“. Irgendeiner der letzten Besitzer in der DDR hatte sicher die Berufsbezeichnung „Arbeiter“.

Mit der Wende fuhr der Wartburg seine Besitzer in den Westen, wurde vielleicht gegen einen schnittigen Westwagen eingetauscht und blieb einfach da.

Hier restaurierte ihn unser Verkäufer, gab ihm die enzianblaue Karosserie und nutzte ihn einige Jahre als Winterauto für seine Ehefrau. So lange bis das Getriebe defekt war.

Dann ließ er eine Anzeige in der damals sehr bekannten und beliebten Anzeigenzeitung „Such & Find“ einrücken.

Es war halt noch einige Zeit vor dem Durchbruch des Internets für Privathaushalte und Börsen wie eBay.

Auf der Suche nach irgendeinem alten Auto zum Basteln, fiel uns genau diese Zeitung  in die Hände.

Etwas Bestimmtes sollte es nicht sein, aber allein ein etwas schmalerer Geldbeutel schloss den einen oder anderen "richtigen" (bitte Nachsicht üben, es war unser Einstieg!) Oldtimer von vornherein aus.

Als wir uns mal wieder ins Auto setzten, um zu einem vereinbarten Besichtigungstermin für einen Audi 60 zu fahren, bekamen wir (auch mal wieder) eine Absage. Der Wagen wäre bereits verkauft. Besagte Zeitschrift wieder hervorgekramt, fiel uns auf, dass wir - unabhängig voneinander -  die gleiche Anzeige vorgemerkt hatten:

Ein Wartburg 311 mit Faltschiebedach, seit 1 Jahr abgemeldet, Getriebe defekt, 2000,-DM.

Warum denn eigentlich keinen Ostwagen?!...

Soviel Arbeit kann da nicht auf uns zukommen...

Es gab nur wenige Typen,  also über alle Baujahre die gleichen Teile...

Autos zum Ausschlachten gibt es genügend in der ehemaligen DDR, bei den nunmehrigen Golf- und   Astra-Fahrern...

Das Getriebe eines DDR-Wagens kann so kompliziert nicht sein...

Und: Das Auto war schon einmal im Westen zugelassen, erfüllt also die hiesigen Anforderungen von TÜV und Co. …

Nachteiliges fiel uns also kaum ein und so wurde ganz schnell angerufen, besichtigt und für 1800,- DM gekauft!

Seither haben wir für unseren gemeinsamen Kauf eines Autos sehr viel Unverständnis und böse Vorahnungen geerntet.

Ja wir haben uns den Kaufpreis hälftig geteilt. Ja uns gehört bis heute die Oma gemeinsam.

Nein, es gab bisher noch nie Streit über Finanzierung, Betrieb oder Nutzung des Wagens! Immerhin ist das ja nun auch schon wieder ein paar Jahre her.

Wie schnell wir den einen oder anderen Irrtum erkennen mussten, wird Mancher jetzt schon ahnen.

Schon am nächsten Tag mieteten wir uns einen Anhänger und holten unseren blau-weißen Traum ab.

Die Unterbringung stellte ein erstes nicht ganz unwesentliches Problem dar. Wir hatten keine Garage und keinen privaten Parkplatz. Dirk wollte sich darum kümmern und hatte die  Zusage eines Bekannten, wir könnten das nicht zugelassene Auto bei ihm abstellen.

Nachts dort angekommen stellte sich heraus, dass sich dieses großzügige Angebot auf einen Platz am Rand einer öffentlichen Straße bezog.

Da durften wir unseren Wartburg ganz sicher nicht stehen lassen. Zu oft gab es damals noch Fahrzeuge, die von ihren Vorbesitzern einfach am Straßenrand stehen gelassen worden waren. Diese Autos wurden durch die öffentliche Hand verschrottet und die ehemaligen Besitzer zur Zahlung von Rechnung und Strafe polizeilich ermittelt.

Es half nichts. Das Auto musste vom Trailer und eine Lösung gefunden werden.

Wir schrieben schnell einen Zettel und legten ihn in die Frontscheibe: „Dieses Auto ist kein Schrott! Bei Fragen bitte Dirk Flach anrufen. Tel.:______“

Die Anzeigen der Tageszeitungen brachten dann schnell Ernüchterung: Garagen wurden keine vermietet.

Die Besichtigung eines privaten „Einstellplatzes“ für immerhin 50 DM Monatsmiete brachen wir genervt ab, als sich herausstellte, dass es sich um den Schutthaufen eines abgerissenen Hauses handelte auf dem wir angeblich unser Auto parken dürften.

Schließlich fanden wir einen Stellplatz in einer Tiefgarage in Neuwied. Atemberaubende 100 DM Monatsmiete waren dafür fällig und - zu unserer nicht geringen Überraschung - der mehrfache Betrag noch einmal als Maklercourtage obenauf.

Doch immerhin hatten wir einen Platz. Wir mussten noch mehrfach beteuern, dass es sich bei unserem Wartburg um Kulturgut und nicht um einen Schrotthaufen handelte. Das war umso ärgerlicher als der Lack unseres 311ers tiptop aussah.

Wieder ein Hänger gemietet, den Wagen aufgeladen und von Linz nach Neuwied geschafft. Die Einfahrt in die enge Tiefgarage mit dem Hänger stellte sich als echte Belastungsprobe heraus, wurde aber gemeistert. Nun hatten wir einen Unterstand für das Auto, aber keine Möglichkeit es zu reparieren. Das war ausdrücklich verboten. Sogar die Beleuchtung der Garage war gegen uns:  2 Minuten nach dem Einschalten ging sie von allein wieder aus.

Wir suchten also eine preiswerte Werkstatt. Und wir fanden sie in Weißenthurm. Unmittelbar neben dem bekannten Atomkraftwerk von Mülheim-Kärlich.

„Kein Problem! Mit Zweitaktern kenne ich mich bestens aus! Habe früher alle Mofas frisiert! Das Getriebe mache ich euch und ihr müsst mir hinterher nur sagen, auf wie schnell ich euch das Auto tunen soll!“

Uns klingelten die Ohren von diesen Sprüchen. Trotz unseres Misstrauens jedoch entschlossen wir uns dazu unseren 311er in diese Werkstatt zu geben.

Der Wartburg wurde also wieder aus der Garage heraus geschleppt, auf den Hänger geladen und nach Weißenthurm geschafft.

Nun brauchten wir Teile. Viele und schnell.

Natürlich waren unsere Annahmen vom Anfang über einfache Teilebeschaffung Unsinn. Wenn uns auch heute die damaligen Zustände paradiesisch erscheinen mögen, Verschleißteile etc.  ab es damals schon nirgends mehr.

Wir fuhren zur Techno Rama und kauften unsere ersten Wartburg-Teile. Das waren - jetzt bitte nicht lachen - spitze Blinker! Zwischenzeitlich hatte Dirk Flach den Geistesblitz eine Anzeigenserie in der Oldtimer-Markt und Oldtimer-Praxis zu schalten. Unser Lehrlingsbudget war schon ganz schön angeknabbert und doch entschlossen wir uns während eines guten Abendessens in unserer Stammpizzeria dazu.

Das war auch gleichzeitig die Gründung der Rheinländer Wartburg Freunde (RWF).

Unter diesem Namen erschienen die jeweils 3 Anzeigen. Dirks Vater bekommt heute noch einen etwas unruhigen Blick, wenn er an damals denkt.

Ununterbrochen klingelte das Telefon. Teile wurden angeboten. Meist ganze Scheunen davon. Meist Dinge, die niemand brauchte. IFA-Vereine riefen an, die sich gern neue Mitglieder sichern wollten und manchmal hatten wir Glück und etwas brauchbares kam heraus.

„Ham mer nich, kriejen wir nich, wolle mer nich!“

So ging Dirks Papa damals in rheinischer Mundart ans Telefon. Ihm war der Rummel um die „Zweitakt-Kaffeemaschine“ viel zu viel.

Auf dem Wege der Oldtimer-Markt– und Oldtimer-Praxis– Kombiannonce gerieten wir aber auch an Herrn Fritzsche aus Augustusburg. Ein sehr netter Mann mit großer Sachkenntnis, einem riesigen Fundus guter Teile und großer Hilfsbereitschaft.

Legendär sind seine stets gleichen Reaktionen auf unsere - wohl aus seiner Sicht unpräzisen - Bestellungen: „Wollen Sie lieber diese Ausführung oder besser doch die andere?...“

 

Viele Monate später bat uns ein deutlich kleinlaut gewordener Werkstattbesitzer um baldige Abholung des unfertigen Fahrzeugs. Er könne es nicht begreifen, aber er bekomme es einfach nicht richtig zum Laufen…!

Immerhin bewegte sich unser Wartburg nun erstmals aus eigener Kraft. Er klang wie ein Sack Nüsse, ruckelte und schüttelte sich. Aber er fuhr immerhin so gut, dass wir damit zum TÜV konnten.

 

/ Stephan Uske

 

(wird fortgesetzt)